Alles begann
Alles begann im September 2017. Unser Studium startete, alles war neu, aufregend und ehrlich gesagt auch ein bisschen beängstigend. Gleich im Foyer lernte ich zwei Mädchen kennen und setzte mich zu ihnen. Dich hatte ich wenig später im Vorlesungssaal auch gesehen.
Und ich dachte damals völlig falsch über dich. Durch Erfahrungen aus meiner Kindheit und das Mobbing, das mich lange geprägt hat, hatte ich Angst vor bestimmten Menschen – vor den selbstbewussten, wunderschönen Frauen, die auf den ersten Blick so wirken, als hätten sie nie Unsicherheiten gekannt. Du warst für mich genau so jemand. Unerreichbar. Vielleicht sogar einschüchternd.
Und dann hast du mich angesprochen. Nicht nur das – du hast mir geschrieben und gefragt, ob ich mit nach Borkum fahre. Meine soziale Angst war damals stärker als mein Mut, also wurde ich krank und fuhr nach Hause. Aber trotzdem war in diesem Moment schon etwas passiert: Das Eis war gebrochen.
Und bis heute bin ich dir dankbar, dass du damals den ersten Schritt gemacht hast.
Tee, Kekse und kleine Rituale
Ein paar Monate später standen wir zwischen Vorlesungen vor der Mensa. Dir war kalt und du meintest ganz nebenbei, dass ein Tee und ein paar Kekse jetzt perfekt wären.
Also tat ich das einzig Logische: Ich fuhr nach Hause, holte Kekse, heißes Wasser und Teebeutel.
Was als spontane Aktion begann, wurde zu unserem Ritual. Weil Tee in Bendigs Vorlesung erlaubt war, zog irgendwann sogar ein Wasserkocher bei uns ein. Während andere mitschrieben, kochten wir uns mitten in Vorlesungen frischen Tee.
Zurückblickend irgendwie verrückt. Aber sehr wir.
Von Freundschaft zu Zuhause
Irgendwann warst du nicht einfach nur eine Kommilitonin. Nicht einfach eine Freundin. Du wurdest ein fester Teil meines Lebens.
Wir verbrachten immer mehr Zeit miteinander, gingen feiern, lachten, quatschten über alles und nichts. Und wenn ich heute zurückblicke, denke ich manchmal: Eigentlich hätten wir noch viel mehr die Zeit genießen und feiern sollen.
Meine gewählte Familie
Es war irgendwann ganz selbstverständlich, dass du mindestens einmal pro Woche bei mir geschlafen hast. Abends gemeinsam Fernsehen, morgens gemeinsam verschlafen in die Vorlesung.
Ohne dass ich es richtig merkte, bist du Familie geworden.
Ich habe mich für alles bedankt, du hast gedroht, wenn ich mich weiter bedanke gehst du heim.
Eine Art Familie, die ich so nie kannte – offen, warmherzig, liebevoll. Bei dir musste ich nichts darstellen. Ich durfte einfach ich sein. Und war genug.
Chaos, Vorlesungen und unvergessliche Erinnerungen
Wir haben unfassbar viel Zeit miteinander verbracht. Und wir haben uns früh ein Versprechen gegeben: Alles, was im Stress des Studiums passiert, bleibt dort. Streit, Frust, genervte Momente – nichts davon sollte unsere Freundschaft kaputt machen.
Es war wahrscheinlich eines der besten Versprechen unseres Lebens.
So haben wir Teamarbeiten überlebt, bei denen plötzlich Zeichenstifte „verloren gingen“ und Menschen deshalb wochenlang leider nichts beitragen konnten.
Wir saßen stundenlang in Übungen. Sind dreimal in dieselbe Elektronik-Übung gegangen, nur um am Ende festzustellen, dass aus 4 Volt aus Versehen 0,4 Millivolt geworden waren statt 0,04 Millivolt.
Wir haben bei Tino und Briefcarsten Ramalama Ding Dong mitgesungen, bei Arne Gespräche über Muschelpaarungen geführt, sind am Deich spazieren gegangen und haben in Pausen Schafe kontrolliert.
Es waren diese kleinen absurden Momente, die etwas Großes geschaffen haben.
Als die Welt stillstand
Wir haben das Studium durchgezogen. Und im letzten Semester wollten wir anfangen, das Leben wieder ein bisschen mehr zu genießen. Wochenendtrips. Hamburg. London. Einfach Freiheit.
Und dann kam Corona.
Plötzlich stand alles still. Veranstaltungen wurden abgesagt, unser Abschluss fühlte sich seltsam unwirklich an – und gleichzeitig hatten wir plötzlich so viel Zeit.
Deine Mutter war so herzlich, dass sie mir sogar anbot, zu euch zu ziehen. Ich blieb zwar bei mir, aber wir telefonierten viel, trafen uns oft und verbrachten mit Arne und Kenny eine intensive Zeit voller Ausflüge und gemeinsamer Erinnerungen.
Und dann kam Kennys Einweihungsabend. Ein Abend, der mehr verändert hat, als wir damals ahnten.
Egal wohin das Leben uns führt
Als ich für die Arbeit nach Karlsruhe zog, warst du sofort da. Ohne Zögern. Ohne großes Fragen. Einfach mit echter Hilfe.
Du bist nach Karlsruhe gekommen und hast mit angepackt. So wie du es immer tust.
Als ich dich später besuchte, verbrachten wir ein langes Wochenende zusammen, trafen Arne und redeten stundenlang über alles Mögliche.
Irgendwann erzählte ich dir nebenbei, dass ich online date. Auch Sebastian fiel da zum ersten Mal. Und selbst da warst du einfach du: neugierig, liebevoll, aber nie drängend.
Du gehörst einfach dazu
Auch als Sebastian und ich zusammenzogen, warst du da. Du hast ihn mit offenen Armen empfangen und mir damit so viele Sorgen genommen.
Und du hast versucht, mit Juliet Spanisch zu sprechen, damit sie dich mehr mag. Es war ein valider Plan. Nur Juliet hatte offenbar andere Ideen.
Entfernung ändert nichts
Heute schaffen wir es leider nicht mehr, uns ständig zu sehen. Aber wir versuchen es.
Erst trafen nur wir beide uns in Olpe. Dann mit Kenny und Arne - gemeinsame Wochenenden, neue Erinnerungen.
Und jedes Mal freue ich mich wahnsinnig darauf, dich zu sehen. Und jedes Mal brauche ich kurz, um mich wieder daran zu gewöhnen, wie offen ich mit dir sein kann.
Und meistens sitze ich auf dem Rückweg im Auto und weine ein bisschen. Frage mich warum ich euch nicht ausgefragt habe und vermisse euch.
Manchmal muss ich auch einfach verstehen, dass unsere Freundschaft sich verändert hat. Wir sind älter geworden, die räumliche Distanz ist größer und zwei komplett individuelle Alltäge stehen zwischen uns.